Wie können Eltern ihre Kinder liebevoll begleiten, ohne ihnen zu viel abzuverlangen? Fibie sprach mit der Hamburger Kinderpsychologin Dörte Peters.
Nach dem Kindergarten in die Musikschule oder zum Turnen, am Wochenende zum Schwimmkurs, auch das Übungsheft für Vorschüler liegt bereit – viele Kindergartenkinder haben bereits stramme Tagesprogramme.
Fibie: Was ist davon zu halten?
Dörte Peters: Grundsätzlich sind verschiedene Angebote und frühkindliche Bildung natürlich wichtig. Und Eltern sind positiv motiviert und wollen stets das Beste für ihr Kind erreichen. Führt ihr Förderbestreben jedoch dazu, dass ein Kind kaum noch Zeit hat, unbeschwert zu spielen, kreativ zu sein und freie Entscheidungen zu treffen, ist das nicht nur schade, sondern dramatisch. Fehlen die Freiräume für ‚süßes Nichtstun’, geht ein wichtiges Stück Kindheit verloren.
Fibie: Welche Folgen kann es haben, wenn ein Kind täglich ein zu großes Pensum stemmen muss?
Dörte Peters: Klassische Warnzeichen, das es von seinem Alltag überfordert sein könnte, sind psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit, Schlappsein, schlechter Schlaf, Angst- und Versagensträume. Vielleicht ist es auch häufiger krank und nimmt sich auf diese Weise unbewusst die Auszeit, die im verplanten Alltag fehlt. Kinder, die zu viel um die Ohren haben, entwickeln oft auch eine innere Unruhe und Anspannung und gelten schnell als aufmerksamkeitsgestört oder konzentrationsschwach. Kommt Leistungsdruck hinzu, können tatsächliche Störungen auftreten. Im Schnitt erhalten heute 10 bis 20 Prozent aller Kinder eine Diagnose. Das sind bedenklich hohe Zahlen.
Fibie: Was entgeht Kindern, wenn ihre Eltern sie zu sehr anleiten, behüten, sogar handverlesen verabreden?
Dörte Peters: Es fehlt ihnen die Möglichkeit, selbstbewusst zu werden. Dazu muss ein Kind alleine etwas unternehmen und etwas schaffen, aber auch erleben, dass nicht immer alles klappt und aus Fehlern lernen können.
Fibie: Wo liegt die Grenze zwischen Förderung und Überforderung?
Dörte Peters: Das ist je nach Kind individuell. Für viele reicht zusätzlich zur KiTa ein fester Termin in der Woche aus. Aber es gibt auch sehr ausgeglichene Kinder, die mit mehr Programmpunkten gut zurechtkommen.
Fibie: Auf was können Eltern im Alltag achten?
Dörte Peters: Sie müssen eigentlich gar nicht viel tun. Kinder brauchen ein liebevolles zu Hause und einen Raum, in dem sie einfach sein können. Sie müssen Nestwärme und Vertrauen spüren, sich geborgen und geliebt fühlen, und zwar so, wie sie sind – nicht aufgrund bestimmter Leistungen. Zudem sollte in jedem Kinderalltag ausreichend unverplante Zeit bleiben. Wenn Kinder spielen, tun sie genau das Richtige für ihre gesunde Entwicklung und können auch besser lernen.
Fibie: Wie finden sie passende Angebote für ihr Kind?
Dörte Peters: Es ist wichtig, Kinder nicht zu früh in Schubladen zu stecken. Sie müssen sich ausprobieren können, um das Richtige für sich zu entdecken. Statt den Nachwuchs also immer weiter zum ungeliebten Klavierunterricht zu schicken, kann er vielleicht in einer Musikschule verschiedene Instrumente ausprobieren. Stülpen Eltern ihrem Kind hingegen etwas über, was nicht zu ihm passt oder es überfordert, verliert es die Freude und das Interesse an der Sache. Kinder sind nun mal keine Gefäße, in die man nach Belieben alles hineinschaufeln kann.
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